ATOMKRAFTWERKE WELTWEIT ABSCHALTEN
Weltatomerbe Braunschweiger Land

Quelle: http://www.robinwood.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Magazin/2012-2/113-32-33-bs1.pdf

Der Großraum Braunschweig ist inzwischen überregional als „Weltatomerbe Braunschweiger Land“ bekannt. Die Großstadt in Niedersachsen liegt zwischen dem vom Absaufen bedrohten Skandal-Bergwerk Asse II und dem Atommülllager Schacht Konrad – beides in Fahrradentfernung.

Jetzt sind weitere Atomfirmen in die Schlagzeilen geraten und beunruhigen die Bevölkerung. Von den Firmen Eckert & Ziegler und GE-Healthcare am Stadtrand Braunschweigs im Ortsteil Thune war bis zum letzten Jahr nur bekannt, dass sie nuklearmedizinische Produkte herstellen und gebrauchte Strahlenquellen und andere Reststoffe zurücknehmen.

Die ROBIN WOOD Regionalgruppe Braunschweig hat monatelang intensiv über die Strahlenbelastung durch die Anlagen recherchiert. Mit erschreckenden Ergebnissen. Über eine komplizierte und schwierige Spurensuche der Regionalgruppe berichtet Udo Sorgatz.

Im Mai letzten Jahres wurden Erweiterungspläne von Eckert & Ziegler bekannt, die uns befürchten ließen, dass direkt neben einem Wohngebiet und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Braunschweigs größter Schule eine Atommüll- Drehscheibe zur Beschickung des künftigen Atommülllagers im Schacht Konrad entstehen soll. Die Veröffentlichung einzelner Überwachungsberichte des NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz, zuständig auch für die Überwachung der niedersächsischen Atomkraftwerke und Gorleben) sollte beruhigen: „Es konnte gezeigt werden,
dass die Ortsdosis an allen Messpunkten in direkter Umgebung der Firmen unterhalb von 1 mSv (Millisievert) Spurensuche einer ROBIN WOOD-Gruppe im Dschungel des Strahlenschutzes effektiver Dosis bleibt.

“ Ein genauerer Blick offenbarte ein ganz anderes Bild. ROBIN WOOD und die örtliche Bürgerinitiative Strahlenschutz (BISS) erstatteten Strafanzeige wegen mangelhafter Überwachung.

In dem Bericht fällt auf, dass die Gammastrahlung
am Zaun des Geländes
sehr hoch ist. Die Werte werden dabei
nicht wie üblich auf ein Jahr, sondern
auf 2.000 Stunden bezogen. Ein Jahr
hat aber 8.760 Stunden. Durch diesen
Trick ergibt sich ein faktischer Jahresgrenzwert
von 4,38 mSv/Jahr. Ab diesem
Wert muss ein radioaktiver Überwachungsbereich
ausgewiesen werden. Die
Direktstrahlungsdosen (Gamma- und
Neutronenstrahlung) des am stärksten
belasteten Messpunkts 7 lagen 1998
bis 2009 zwischen 1,8 und über 3,4
mSv/Jahr. Diese Werte würden sechs- bis
elfmal genügen, um das Castor-Zwischenlager
in Gorleben zu schließen.
Wie kann ein Unternehmen, das medizinische
Produkte herstellt und schwachund
mittelradioaktiven Abfall behandelt,
so viel stärker strahlen als eine Halle mit
über 100 Castoren? Weshalb gilt für
eine Castorhalle im Wald ein Grenzwert
von 0,3 mSv/Jahr, am Rande einer
Großstadt in einem Wohngebiet aber ein
über 14 mal so hoher Wert von faktisch
4,38 mSv/Jahr? Zwar gestattet es
§ 46 der Strahlenschutzverordnung die
radioaktive Strahlung auf eine „maßgebliche
Aufenthaltszeit“ zu beziehen. Diese
Ausnahme ist jedoch nach Auffassung
von ROBIN WOOD nur für medizinische
Einrichtungen gedacht, nicht für Nuklearbetriebe
in Wohngebieten.
Foto: Malte Dörge
Wie eine ROBIN WOOD-Recherche
ergab, sind die AnwohnerInnen eines
Braunschweiger Wohngebiets hohen
Strahlenbelastungen ausgesetzt
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energie
Nr. 113/2.12
Die strafrechtliche Relevanz wird derzeit
durch die Staatsanwaltschaft geprüft.
Doch die „Eigenheiten“ in der Überwachung
und Genehmigung der
Strahlenbelastungen gehen weiter: Die
besonders gefährliche Neutronenstrahlung
wird in Thune nur von den Betrieben
selbst erfasst und erlaubt keine
belastbaren Angaben ihrer Höhe. Die
dennoch in den Überwachungsberichten
angegebenen Neutronen-Direktstrahlungsdosen
von bis zu 1,42 mSv/Jahr
hätten erfordert, die Neutronenstrahlung
unabhängig und exakt zu überwachen.
In den Überwachungsberichten wird
zwar richtig festgestellt: „Zur Ermittlung
der effektiven Ortsdosis an einem Messpunkt
[…] müssen alle aufgetretenen
Dosisanteile addiert werden.“ Genau
das geschieht allerdings an keiner Stelle.
Die Messfehlerbereiche sind zudem
durchgängig mit „z.Zt. nicht verfügbar“
angegeben. Ohne deren Kenntnis ist ein
Nachweis der Einhaltung der Grenzwerte
jedoch prinzipiell nicht möglich.
Unsere Recherchen haben gezeigt, dass
es bei der Überwachung der Abluft und
der Kontamination des Bodens auch
nicht besser aussieht: Eine Analyse der
Überwachung der Kamine ergab, dass
nur sehr wenige Stichproben und diese
weitgehend über das Wochenende
genommen wurden, womit schätzungsweise
nur ca. 11 % der Beprobungszeit
beim Betrieb der Anlagen erfolgte.
Vor diesem Hintergrund erstaunen die
offiziell ausgewiesenen, sehr niedrigen
Werte nicht.
Die Stellen zur Entnahme von Bodenproben
liegen auf der westlichen Seite des
Betriebsgeländes. Bei vorherrschenden
Westwinden ist kaum damit zu rechnen,
dass sich bei einer Freisetzung von
radioaktiven Partikeln an diesen Punkten
besonders viel Radioaktivität ablagert.
Dafür liegt der angeblich meteorologisch
völlig unbeeinflusste Referenzpunkt drei
Kilometer östlich, also in Windrichtung.
Zur Zeit versuchen wir herauszufinden,
welche radioaktiven Nuklide mit welcher
Aktivität auf dem Gelände von Eckert
& Ziegler lagern. Aber das zuständige
Gewerbeaufsichtsamt ist der Auffassung,
dass die Inventarliste zum „Schutz der
Bevölkerung“ geheim bleiben müsse, da
sich andernfalls „die Gefahr von terroristischen
Anschlägen und von Diebstahlsversuchen“
erhöhen könnte. Das ist aus
unserer Sicht allerdings kein Grund, die
Fakten geheim zu halten, sondern sie
schnellstens zu ändern! Inzwischen haben
wir erfahren, dass auf dem Gelände
lagernde Plutonium-Beryllium- und andere
Neutronenstrahlungsquellen ohnehin
nicht in der Inventarliste erfasst sind.
Grund: Hochradioaktiven Stoffe laufen
unter einer anderen Genehmigung.
Die gesamte unabhängige Überwachung
der Direktstrahlung ist zudem
so angelegt, dass sie selbst massive
Störfälle erst mit monatelanger Verzögerung
registrieren würde. Die Überprüfung
der Abluft ist so lückenhaft, dass
es extrem unwahrscheinlich ist, eine
Grenzwertüberschreitung nachzuweisen.
Begründung der NLWKN: Es sei nicht
Aufgabe, die Einhaltung der Grenzwerte
zu überwachen, sondern die Eigenüberwachung
der Betreiber stichprobenartig
zu kontrollieren. Es bleibt zu hoffen,
dass die Betreiber einen auftretenden
Störfall wie gesetzlich vorgeschrieben
unverzüglich melden würden. Uns liegen
inzwischen Hinweise vor, die ein solches
nicht gemeldetes Ereignis zumindest
möglich erscheinen lassen. Allerdings
scheinen ausreichende Notfallpläne nach
bisherigen Recherchen ohnehin nicht zu
existieren, zumindest werden sie trotz
hartnäckiger Nachfragen nicht veröffentlicht.
Begründung: Es handele sich hier
nicht um einen (chemischen) Störfallbetrieb
- für Nuklearbetriebe aber fehle
eine entsprechende Vorschrift.
Der Fall von Eckert & Ziegler zeigt
exemplarisch, wie wenig offiziellen Berichten
der Überwachung von Nuklearbetrieben
zu trauen ist. Es bedarf großer
Hartnäckigkeit, um theoretisch frei
zugängliche Informationen tatsächlich
in die Hand zu bekommen und enormes
Expertenwissen, um diese zu analysieren
und nukleare Risiken durch eigene
Analysen aufzudecken.
In Braunschweig haben dies ROBIN
WOOD und die „BISS“ in vielen tausend
Stunden ehrenamtlicher Arbeit übernommen.
Wir haben erreicht, dass die
Bevölkerung informiert wurde und der
Rat der Stadt die Erweiterungspläne des
Nuklearbetriebs im letzten Moment und
mit großer Mehrheit auf Eis gelegt hat.
Diesen Erfolg gilt es jetzt zu sichern und
den bestehenden Betrieb und dessen
Überwachung weiter kritisch zu hinterfragen.
Wir fordern: Die Überwachung muss
tatsächlich unabhängig vom Betreiber
erfolgen und das sofortige Erkennen
von Störfällen ermöglichen. Notfallpläne
müssen existieren und öffentlich zugänglich
sein. Und: Weder die Herstellung medizinischer Strahlenquellen noch die Behandlung von Atommüll gehört in ein Wohngebiet oder neben eine Schule.


Udo Sorgatz, ROBIN WOOD
Regionalgruppe Braunschweig